Mittwoch, 16. Januar 2013

Marina - Marina fährt nach Paris



19.Januar 2013 in der Saarbrücker Zeitung: ...De Gaulle erklärte später, "Verträge seien wie Rosen und junge Mädchen: Sie halten, so lange sie sich halten" Bis er sich korrigierte:"Manchmal entstehe auch ein dauerhafter Rosengarten."

22.Januar 2013. Eine Karte von meiner französischen Freundin Fleurance. Merci, chérie!


Eine Honigkuchengeschichte für große Kinder 

anlässlich des Jubiläums des Elyséevertrags 

zwischen Frankreich und Deutschland von 1963


ZUSAMMENFASSUNG:


Marina fährt mit ihrer Babytochter Oceane  im Cabriolet ihres Mannes Daniel nach Paris. Was denkt und erlebt sie auf der Fahrt am Tag des vierzigjährigen Jubiläums des Freundschaftsvertrages zwischen Deutschen und Franzosen? Eine Geschichte übers Autofahren und Frauen...


Notre traité n’est pas une rose,
il n’est même pas un rosier,
il est une roseraie. 

Unser Vertrag ist keine Rose,
er ist nicht einmal ein Rosenstrauch,
er ist ein Rosengarten.

Charles de Gaulle


Paris, 23.Januar 2003


Marina wollte die Gelegenheit nutzen und ihren Mann nach Paris begleiten. Ihr Mann, der wieder viel beruflich unterwegs sein musste, war froh, dass seine kleine Familie so unkompliziert war, und er sie mitnehmen konnte. Dieses Mal war er Aussteller auf einem großen französischen Kongress seiner Branche. Er war viel mit den Vorbereitungen beschäftigt, und so hatten sie sich die Abende zuvor kaum gesehen.
„Du nimmst das Auto und fährst nach Paris. Ich habe unser Hotel für zwei Nächte reserviert und wir treffen uns dort.“ Er würde von Zürich aus nach Paris fliegen.
“Wir fahren dann am Freitag Abend weiter nach Nordfrankreich und verbringen dort das Wochenende,“ sagte er.
Obwohl ihr Mann eigentlich wenig freie Zeit zur Verfügung hatte, wusste er sie sich so einzuteilen, dass Marina und er viel davon hatten. Wenn er Marina und Océane mitnahm, ergab sich auch während der Fahrt Gelegenheit, mal über nicht so wichtige Dinge zu plaudern und über all das, was so liegen geblieben war. Man konnte auch eine längere Strecke beisammen sein, die sonst nur ausschließlich dem Beruf vorbehalten war. Marina war zufrieden mit ihrem Leben, wenn sie denn die Gelegenheit nutzen konnte, ihren Mann zu begleiten. Océane war mit ihren elf Monaten nun etwas munterer, aber dennoch schien es für ihre Mutter kein Problem, sich mit dem Kind in Paris zu amüsieren.
Die Morgenstunden wollte Marina mit ihrer kleinen Tochter im Hotel verbringen. Océane konnte im Zimmer zunächst einmal herumkrabbeln und danach ihr Morgenschläfchen machen. Marina hätte Zeit, zu lesen.
Erst danach würden sie mit ihrem Dreiradkinderwagen vom Bahnhof St. Cloud nach St. Lazare aufbrechen, um im Lafayette-Kaufhaus oder in einer Kinderboutique nach schicken neuen Kinderschuhen Ausschau halten. Einfarbige Kinderschuhe, die zu Océanes Kleidung passten und das Kind nicht kunterbunt aussehen ließen.
Océanes erste Schuhe aus dem Italienurlaub waren zu klein geworden und schon eine Weile zog ihr Marina nur noch Strumpf über Strumpf oder ihre Pantoffeln an, die sich meist irgendwo verloren.
Endlich entschied sie sich, in einem Saarbrücker Kaufhaus taubenblaue Schuhe in Größe 20 zu kaufen. Sie waren in verschiedenen Blautönen mit Punkten gemustert und waren von allen die beste Wahl. Für  Kinderschuhe waren sie verhältnismäßig günstig, hatten eine Gummisohle und Marina dachte, sie könne keinen Fehler machen. Und dann hatte Océane sie doch nicht angezogen! Sie hatten ihr nicht wirklich gefallen und sie war froh, dass Marina die Gelegenheit hatte, in Paris nach einem anderen Paar zu suchen. Ja, sie hoffte auf Paris. Sie hoffte darauf, dass es hier hübsche, nicht so teure Schühchen in rosa oder am liebsten in weiß gab, so wie das letzte Paar es gewesen war.. Hélene, ihre Schwiegermutter, erwähnte ständig „die schicken Mailänder Schuhe“, wenn sie Océane in ihren hübschen ersten Tretern sah. Marina hatte kein Problem darin gesehen, auch in Deutschland so ein dankbares Paar zu finden, wenn diese zu klein wurden. Und dann war es zur Winterzeit in ihrer kalten Heimatstadt doch eines.
Die Babyfachgeschäfte führten einfach keine passenden Kinderschuhe. In den Kinderboutiquen, wenn es denn welche gab, kannte Marina sich nicht aus. Sie scheute auch übertriebene Ausgaben für Kinderschuhe. Ihre Tante Margarete hatte es schlichtweg nicht für möglich gehalten, dass man nach Paris fuhr, um geeignete Kinderschuhe zu finden. Aber sie hatte ausgiebig Marinas hellen Mantel mit dem beigefarbenen Kragen aus Pelzimitat bewundert.
„Wo hast Du den nur her? So ein schicker Mantel...Der war bestimmt teuer..Ich suche auch mal so was schickes...“, hatte sie gesagt.
Und dann erzählte Marina ihr von dem großen Pariser Printemps Kaufhaus, in dem Marina bei ihrem vorletzten Besuch den Mantel so günstig erstanden hatte. Marina fuhr also wieder nach Paris und freute sich mächtig darauf.
Sie wollte ihre Reise erst am späten Nachmittag beginnen, um dem großen Verkehrstreiben in Paris zu entgehen.  Auf einer ihrer vorigen Fahrten mit Daniel konnten beide mit Océane erst gegen 22.00 Uhr aufbrechen und Marina hatte gegen 1.30 Uhr das Fahrzeug sicher zum Hotel gelenkt. Bei wenig Verkehr war Paris mit Daniels Firmenauto und seinem Navigationssystem kein Problem und so plante Marina ihre erste alleinige Fahrt mit seinem Wagen nicht allzu früh.
„Das trauen Sie sich?!“ Die etwas betagte Nachbarin von gegenüber schien besorgt. Es musste also schon etwas besonderes sein, selbst den Wagen nach Paris zu lenken. Als sie ein junges Mädchen war, war sie einmal mit ihrem Onkel und ihrer Schwester in Paris gewesen und ihr war in Erinnerung geblieben, dass die Franzosen wesentlich kleinere Autos fuhren und manche ganz schön verbeult aussahen. Das aber hatte sich längst geändert. Aber es war noch immer wie ein kleines Wunder nach Paris zu kommen, obwohl die Seine-Metropole sich nur wenige hundert Kilometer vor ihrer Haustür befand.
Ihr Ferienhaus an der Küste Nordfrankreichs schien irgendwie schneller und einfacher erreichbar, obwohl es geographisch gesehen, noch ein gutes Stück hinter Paris lag. Paris und eine Reise dorthin gehörten also zu einem ganz besonderen Mythos auf diesem Erdball.
Marina nahm einen großen Koffer aus dem Kleiderschrank. Es war nicht nötig, sich auf weniges zu beschränken. Für die kommenden vier Tage wollte sie für sich und Océane ihre besten Kleidungsstücke mitnehmen. Dafür bügelte sie ausnahmsweise in der Waschküche noch ein paar frisch gewaschene Sachen. Das Kind war wie immer am Mittwoch bis zum späten Mittag bei einer Tagesmutter untergebracht. Als sie ihr Kind abholte, schlief es im Auto ein, so dass Marina es vor der Haustür weiter schlafen ließ und in Ruhe packen konnte. Ein stressfreier Tag, wie Marina fand. Ihre schmale schwarze Handtasche tauschte sie gegen eine größere ein. Auf Reisen kam immer einiges hinzu: die Videokamera, der Reiseführer, das kleine Wörterbuch. Da war eine größere Tasche besser...

„Madame, trois Euro cinquante, s’il vous plaît.« Marina hatte die Fensterscheibe an der ersten Zahlstelle auf der Autobahnstrecke nach Paris heruntergelassen und sah die Kassiererin an. Die ersten zwanzig Kilometer der Fahrt lagen hinter ihr. Sie begann nach ihrem Geldbeutel in ihrer Handtasche zu kramen, die sie auf den Beifahrersitz gestellt hatte. Er war nicht da. Wo war er? Sie hatte ihn doch eingesteckt. Sie war sich eigentlich sicher. Aber sie fand ihn nicht. Hinter ihr stand ein großer Transporter.
„J’ai pas d’argent,“ sagte Marina zu der Frau in der Kabine.
« Pas d’argent? Pas une carte bancaire?» Die Frau mit dem Kurzhaarschnitt und den dunklen Haaren sah sie etwas ungläubig an.
Marina kramte nochmals im Hauptfach ihrer Tasche. Da war nichts.
„Non, pas du tout. Je suis desolée.»
«Oh, la, la...«, meinte die Frau in ihrer etwas verwaschenen Strickweste am Peage-Schalter. Es gab ein Problem. Marina konnte nicht weiterreisen. Die Frau begann den deutschen LKW-Fahrer zurückzuwinken. Sie schien etwas älter als Marina zu sein. Sie war nicht besonders hübsch, wirkte aber nicht unfreundlich, auch wenn sie nun doch mit ihren großen dunklen Augen ernst dreinblickte.
„Qu’est-ce que, je peux faire maintenant? Est-ce que je peux retourner ici?» Ohne Geldbeutel konnte Marina ihre Reise nicht fortsetzen.
Die Frau nickte. Marina würde umdrehen.
„Was ist denn los?“ Der Fahrer des  LKWs kam bis an die Fahrertür und beugte sich nach vorne zu Marina.
„Ich habe meinen Geldbeutel vergessen.“ Er sah das Kind hinten im Kindersitz. Er schien nicht sonderlich verärgert. Er ging sofort zu seinem Fahrzeug zurück, das Marina die Sicht nach hinten versperrte. Sie empfand keine Angst. Sie brauchte nur zurückzustoßen, der großen LKW-Front folgend. Sie konnte nicht erkennen, wie viele Fahrzeuge sich noch dahinter befanden. Sie fuhr zurück, sah dass es auf der linken Seite keine Barrieren zur Gegenfahrbahn gab, passte die entgegenkommenden Autos ab, gab Gas und weg war sie.
„Keinen Geldbeutel“, dachte sie auf der Fahrt zurück. Irgendwie kann das nicht sein.
Sie fing wieder in ihrer Handtasche zu kramen. Océane war auffallend still die ganze Zeit gewesen.
„Jetzt muss ich wieder nach Hause fahren.“ „Aber wo soll ich suchen?“ Sie ging wieder den häuslichen Ablauf der vergangenen Stunden durch.
„Nein, er muss hier irgendwo sein,“ dachte sie.
Océane hatte ihn in der Hand gehabt, während sie ihre alte Tasche ausgeräumt hatte. Dort konnte er also definitiv nicht mehr sein.
„Ich wechsele doch nicht mehr die Taschen. Dann passiert das nicht mehr. Ich werde mir eine ganz schicke neue Tasche in Paris kaufen, die groß genug ist, so dass ich sie immer tragen werde.“ Sie kramte in Oceanes Rucksack mit ihren Esssachen und den Windeln. Nein, da war er nicht.
Sie versuchte es wieder in der Handtasche, während der Wagen heimwärts rollte. Diesmal im Seitenfach. Ganz unten fühlte sie etwas. Plötzlich hielt sie den Geldbeutel in der Hand. Da war er. Das gab es doch nicht. Und sie dachte, sie hätte ihn nicht eingesteckt. Das Seitenfach der Tasche war ausgesprochen tief geschnitten. Darüber befanden sich ihr Spiegel, ihr Lippenstift und Vaseline, um Océanes Babyhaut vor eisiger Kälte zu schützen, ebenso ein Päckchen koffeinfreier Pulverkaffee. Marina hatte ihn einfach nicht gefühlt. Nicht erwartet, dass das Seitenfach so tief ging. Sie suchte die nächste Ausfahrt. Forbach. Also wieder zurück.

Als die Autospitze wieder nach Paris zeigte, erholte sich Marina von dem Schreck und einem solchen Beginn ihrer Reise. Océane auf dem Hintersitz plapperte wieder los. Es begann zu regnen.
Erneut näherte sie sich der ersten Zahlstelle ihrer Reiseroute. Diesmal wählte sie eine andere Durchfahrt.
Zwei Frauen saßen im Häuschen. Die Kassiererin war eine große schlanke Frau mit langen blonden Haaren. Sie trug einen schwarzen Rollkragenpulli und eine Goldkette darüber. Eine weitere blonde Frau mit einem Wuschelkopf saß daneben. Marina bemerkte, wie die Frauen ihr Gespräch unterbrachen. Marina und die große Blonde öffneten gleichzeitig eine Fensterscheibe. Sie sahen sich an. Die Kassiererin behielt ihren netten Gesichtsausdruck bei, als sie um die Gebühr bat. Sie ließ Marina alle Zeit der Welt, das Geld hervorzuholen. Ihre zurückhaltende angenehme Art, fiel Marina direkt auf und sie gab Marina das Gefühl, dass sie sich nicht beeilen musste. Sie senkte etwas ihren Kopf, um Océane zu sehen. Océane hatte sich ihren Schnuller in den Mund gesteckt. Sie sagte etwas zu der anderen Frau über das Baby, während sie Marina die Hand entgegenstreckte. Marina gab ihr das Geld passend. Kaum hatte Marina bezahlt, öffnete sich die Schranke und sie gab Gas.

"Das war eine angenehme Französin", dachte sie. Sie hatte etwas richtig Würdevolles, Erhabenes an sich und hatte trotzdem irgendwie ein zartes Wesen. Marinas Aufregung von vorhin war wie weggeblasen. Sie freute sich nun richtig auf die Fahrt. Auf Paris. „Bon voyage“, hatte die blonde Frau mit der anderen Frau an ihrer Seite noch zu ihr gesagt. „So ist es angenehm zu reisen.“, dachte Marina. Sie war froh, dass sich ihr Mann noch kein Gerät angeschafft hatte, um mit dem Wagen einfach durch eine télépeage zu fahren und damit automatisch zu bezahlen. Sie war vollauf zufrieden.
Die weitere Fahrt verlief normal. Das Kind war wegen des langen Mittagsschlafes noch munter, und da sie im Fond des Wagens saß, langweilte sie sich und suchte Beschäftigung. Es war schon zu dunkel, um die Welt von der Fensterscheibe aus zu beobachten. Und das Spielzeug, das ihre Mutter aus einer Stofftasche hervorzauberte, landete nach an einer Weile auf dem Boden. Marina hielt an, um eine Pause einzulegen. Sie trank einen koffeinfreien Espresso, während Océane ihre kleinen Händchen immer wieder auf das Holzbrettchen am Kinderstuhl patschte und Marina nahm ein wenig vom Dessertbüffet und gab Océane davon.

Später hielten sie nochmals. In dieser Raststätte gab es eine kleine Rutschbahn und eine Wippe und das kleine Kind jauchzte vor Vergnügen.

Marina hatte im Radio Nachrichten gehör t. Heute war kein gewöhnlicher Tag. Während sie sich auf dem Weg nach Paris befand, feierten die deutschen und französischen Abgeordneten gerade den  Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland aus dem Jahre 1963. Marina war noch gar nicht auf der Welt gewesen. Einige der jüngeren Abgeordneten, die teilnehmen konnten, auch nicht. Es war für beide Seiten ein großer Tag und die Feierlichkeiten sollten sich über zwei Tage erstrecken. Heute stand Paris im Mittelpunkt. Es gab eine gemeinsame Tagung der Nationalversammlung und des Bundestages im Versailler Schloß. Gerade aßen bei einem festlichen Banquet alle gemeinsam in der langen Galerie mit den riesigen Wandgemälden über vergangene Schlachten im Schloß. Morgen würde in der deutschen Hauptstadt gefeiert werden. Aber auch die kleine grenznahe Region aus der sie kam, wurde verstärkt beachtet, seit diese in den fünfziger Jahren an Frankreich orientiert gewesen war.

Dieser vierzigste Jahrestag des Elyséevertrages zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle hatte im Laufe der Zeit aus Erbfeinden nach blutigen Kriegen und Auseinandersetzungen Freunde gemacht und aus dem deutschen Michel und der französischen Marianne war ein Paar geworden. Marina persönlich hatte nie etwas von der früheren Feindschaft gespürt. Sie war zu jung dazu und die Politiker beiderseits hatten gute Arbeit geleistet. Das spürte man in vielen kleinen Dingen. Ihre kleine Nichte Annabelle hatte den französischen Kindergarten über der Grenze besucht, es gab saarländische Kindergärten, in denen den Kindern auf spielerische Weise, die Sprache des Nachbarn nähergebracht wurde. Die Schüler beiderseits machten Unterrichtsbesuche, veranstalteten gemeinsame kulturelle und sportliche Wettbewerbe und fuhren auf Klassenfahrten ins Nachbarland. Es gab viele, viele Franzosen und Französinnen, die im Saarland arbeiteten. Die deutsche Hauptzentrale ihres französischen Privatwagens befand sich in ihrer Heimatstadt.

Marina selbst war ein besonderer Fall. Mit ihrem Ferienhaus im Norden Frankreichs war sie mehr als eine Grenzgängerin geworden. Sie lebte in beiden Kulturen. Und sie schätzte, je mehr sie von der französischen Lebensart kennenlernte, diese umso mehr. Die Beobachtung des Lebens der Franzosen gaben ihr eine Zufriedenheit und ein besonderes Selbstbewusstsein, das sie bei den Menschen in Deutschland selten erlebte. Sie liebte den Charme der Franzosen. Sie schienen alles aus Überzeugung zu tun und zu dieser zu stehen. Sie konnten erklärten, warum ihnen etwas gefiel. Moi, j’adore..., Moi, je fais, sagten sie. Diese Art von Lebensgefühl hatte Marina bis zum Kauf ihres Ferienhauses nicht gekannt. Immer wenn sie in Frankreich war, blühte sie ein wenig mehr auf, als sie es in Deutschland tat. Kein Wunder, dass sie zu ihrer Neigung gestanden hatte, nach Paris nur ihre besten Kleidungsstücke mitzunehmen und die zweite Garnitur an Anziehsachen zurückzulassen.

Der anfängliche Regen hatte aufgehört und mehr als die Hälfte der Strecke lag hinter ihr. „Achtung, in 100 km Stau.“, sagte das Navigationssystem. In einer Länge von 2,4 km auf der Peripherique von Paris gab es zähfließenden Verkehr. „Bis ich komme, ist der längst vorbei,“ dachte Marina.
Das System hatte die Musik des französischen Senders Radio Nostalgie unterbrochen, des Radiosenders, den sie neu eingestellt hatte. Die kleine Océane war zufrieden mit einem Schnuller aus Mamas Manteltasche eingeschlafen. Weit hinter Reims kam sie an die vorletzte Zahlstelle. Der Sender spielte gerade einen alten amerikanischen Lovesong. „Honey I love you.“
Marina summte leise mit. Sie reichte der Frau an der Zahlstelle ihre Kreditkarte, die sich im wiedergefundenen Geldbeutel befand.

Und dann erschrak die Autofahrerin Marina, bei dem was sie sah. Die Frau in dem Peage-Häuschen war anders als die anderen vor ihr. Sie hatte große, breite Hände mit unappetitlich aussehenden Fingern, ihre Nägel waren ganz heruntergekaut. In ihrem aufgeschwemmten Gesicht befand sich auf der linken Wange eine dicke Warze. Sie sah Marina nicht richtig in die Augen. Sie lächelte nicht. Sie war unglücklich. Wenn da nicht der alte tragische Song im Radio gewesen wäre, der Marina aber in eine leise friedvolle und liebevolle Stimmung versetzte: And honey, I miss you and I’m bein‘ good. And I’d love to be with you if only I could... Marina schaute auf das Radiogerät, während die Frau kassierte. 

„Jetzt fahre ich von Zahlstelle zu Zahlstelle und plötzlich beschäftigt mich diese französische Frau.“ In ihren Augen waren die Französinnen meist viel hübscher und eleganter als die deutschen Frauen. Und nun hatte sie eine andere Französin gesehen. Und tatsächlich fiel ihr dann ein, es waren heute Abend nur Frauen gewesen, die an den Péagestellen die Gebühr kassierten. Außer den ersten beiden, hatte sie die anderen nicht sonderlich in Augenschein genommen. Sie hatten alle ihren Job getan, während Marina die Autobahn nach Paris benutzte. Marina war jetzt etwas bedrückt.

„Sie macht doch den gleichen Job wie die anderen. Warum geht es nur ihr so schlecht und den anderen nicht? Diese französische Frau hatte sie wachgerüttelt. Sie hatte die ganze Fahrt über nicht viel nachgedacht. Der Radiosong ging zu Ende. ‚Kann die Frau denn kein Radio hören?’ ‚Kann sie nicht mit jemandem telefonieren? Vielleicht Handarbeiten. Einen Roman lesen? Kann sie sich nicht beschäftigen, um zufrieden zu sein. Mit welchen Sorgen war sie heute zur Arbeitsstelle gekommen? Hatte ihr Mann keine Beschäftigung? Hatte sie Schulden? Waren die Kinder krank? Was hatte diese Frau so schwer getroffen, dass sie so unglücklich drein sah. 
Nicht alle lebten ein so gutes Leben wie Marina. Aber sie hatte den anderen Frauen bei ihrer Arbeit an der Péagestelle zugesehen. Es ging nicht allen schlecht. Die Frau mit den blonden Haaren hatte Marina dermaßen in gute Stimmung gebracht, dass Marina sich sicher fühlte, sorgenlos mit dem Firmencabriolet nach Paris zu fahren. Selbst, als die kleine Océane nicht mehr unbedingt im Autositz ihre Zeit verbringen wollte, die Grazie der Blonden hatte sie daran erinnert, ruhig und gelassen zu bleiben.

Sie ließ die Frauen heute Abend an sich Revue passieren:
Da war eine Frau mittleren Alters mit einem energischen Blick. Sie kassierte, bevor sie wieder einen kräftigen Zug aus ihrer Zigarette nahm. Dass sie eine starke Raucherin war, sah man ihrer Haut an. Sie schien nicht unsympathisch, aber etwas distanziert.
Da war die dunkelhaarige junge Frau ohne Gesicht. Marina hatte ihr Gesicht nicht registriert, weil sie für die Gebührenberechnung nur kurz ihr Telefongespräch unterbrochen hatte. Sie beugte sich kurz danach wieder nach vorne und sprach weiter. Marina hatte an ihren Bewegungen erkannt, dass sie noch jung war - vielleicht eine Studentin, die sich hier die Zeit bis zum Feierabend kurzweilig gestaltete.
Und dann fuhr Marina zur letzten Zahlstelle vor Paris. Und wieder war es eine Frau, die kassierte. Heute Abend. Sie war etwas älter als Marina und wirkte nett. Sie gab Marina mit ihrer schlanken Hand und ihren vielen Goldringen am Ringfinger das Geld und dann schloss sie wieder das Fenster des Zahlhäuschen. Sie beachtete Marina und ihr Auto nicht weiter. Hier an der Autobahn hatte sie eine ganz normale Arbeitsstelle gefunden. Marina bewunderte sie dafür ein bisschen. Sicherlich waren die Kinder der Kassiererin wohlerzogen und ihr Mann besaß eine mittelgute Stellung und sie führten ein geordnetes Leben.
Zielsicher steuerte Marina nun den Wagen auf die Péripherique von Paris zu. Es gab keinen Stau mehr. Den Angaben ihres Navigationssystems folgend fuhr sie nach Südwesten. Ihr Ziel war der Stadtteil St. Cloud. Sie fuhr am linken Seineufer entlang. Vor ihr lag rechts die Kathedrale Notre Dame. Ein filigranes Lichtermeer aus dunklen Tönen in braun und blau empfing sie. Die bekannte Postkartenidylle. Sie hatte die Sehenswürdigkeiten in den vergangenen Monaten als Beifahrerin immer wieder bewundert. Jetzt wo sie selbst fuhr, waren sie noch bedeutender. Einige Meter hinter der Eisenbrücke Alexander III geriet sie auf die Busspur. Um diese Zeit war es kein Problem. Die Spur war ihr bisher nie aufgefallen. Es war gut, dass sie für sie und die anderen die Fahrmöglichkeiten verringerte. Gerade die vielen Motorradfahrer konnten gefährlich schnell an einem Autofahrer rechts oder links vorbeirasen. Der Eiffelturm auf ihrer linken Seite folgte. Alles klappte gut. Einmal bog Marina zu scharf rechts ab. Auf dem Navigationssystem war es nicht anders erkennbar. Sie stand plötzlich vor einem Eisenbahnübergang und musste warten. Das System lenkte sie ohne großen Zeitverlust sicher in die gewünschten Straßen, die sie schon bei ihren letzten Besuchen mit dem Kinderwagen durchgestreift hatte.
Dann hatte sie es geschafft. Sie kam in ihrem Lieblingshotel an.
Ihr Mann Daniel war noch nicht da. Marina ließ auf ihrem Handy seine Nummer wählen. Er war unterwegs. Vom S-Bahnhof in La Défense war es noch eine kleine Weile. Das passte. Sie konnte ihr Gepäck ausräumen und die kleine Océane wecken und umziehen.

Später, als Marina in dem alten Bett im LouisXV-Stil neben der kleinen Océane lag, die die Mitte für sich in Anspruch nahm, da das Hotel über keine Kinderbetten verfügte, dachte sie nach. Sie hätte gerne noch eine Weile in den Armen ihres Mannes gelegen, aber ihre kleine Familie neben ihr schlief schon so tief und fest. Marina blieb nichts anderes übrig,  als noch ein bisschen wach zu liegen, bis auch sie schlafen konnte.
Was hatte sie heute alles erlebt? Diese abendliche Fahrt mit diesen vielen Frauen an den Autobahnzahlstellen.

Und was war noch? Da fiel es ihr ein: Ursprünglich hatte sie heute nicht mehr zum Einkaufen wollen. Tage, an denen sie wegfuhr, sollten den Reisevorbereitungen vorbehalten sein. Und dann fuhr sie doch schnell in den Baumarkt, als Océane bei ihrer Tagesmutter war. Sie wollte noch nach einer Tapete für ihr Gästezimmer Ausschau halten. Die schönsten Tapeten gab es in einem Baumarkt, in dem es noch keinen Brotshop, Gemüseladen und Getränkeverkauf gab, wie dies jetzt häufiger üblich war. 

Als sie so durch die Gänge schlenderte, verspürte sie plötzlich Lust auf ein Hörnchen. Sie nannte es in Deutschland nicht Croissant. Croissants aß sie in Frankreich, die waren beinahe unnachahmlich. Also dachte sie an ein Butterhörnchen während sie die Tapetenmuster betrachtete. Die Zeit für eine Fahrt zur Bäckerei hatte sie heute nicht. Schon gar nicht für ein einzelnes Hörnchen.
Und dann geschah es. Sie kam aus dem Markt und sah vor ihrem Auto einen Bäckerwagen parken. Sie konnte es nicht wirklich glauben. Aber dann dachte sie an das Hörnchen und innere Freude keimte in ihr auf. Sie ging auf die Verkaufstheke zu. Eine blonde Frau mit langen Haaren stand dahinter. „Das Hörnchen da bitte,“, sagte Marina und zeigte auf das einzige zwischen den anderen Kaffeeteilchen. Es schien mit etwas gefüllt zu sein. „Das macht ein Euro“, sagte die Verkäuferin. Marina gab ihr einen Euro und nahm das eingepackte Hörnchen von der Theke. Plötzlich hielt sie das Hörnchen in der Hand, auf das sie gerade eben noch so viel Lust verspürt hatte. Für wenig Geld. Wie froh sie war.

Ob die sorgenvolle Französin an der Zahlstelle diese Freude verstanden hätte? Marina dachte noch einmal an sie. Bevor sie in dem kleinen Hotelzimmer im nächtlichen Paris einschlafen konnte.

1 Kommentar:

  1. Liebe Frau Zimmermann,


    in der Zwischenzeit bin ich dazu gekommen, mir Ihren Blog anzuschauen. Er ist geprägt von einem sehr guten Beobachtungssinn und der Fähigkeit, viele Dinge – nicht zuletzt die ganz alltäglichen – auf eine neue Art in Beziehung zu bringen. Beispielsweise bei der Beschreibung des Eindrucks, den eine Kassiererin an der Mautstelle auf Sie gemacht hat. Kompliment dafür. Ich bin sicher, dass Sie damit eine intensiv interessierte Leserschaft anziehen. Und dies ist ja einer der großen Vorzüge der neuen Kommunikationsmittel: Sie erlauben eine sehr vielfältige Teilhabe.


    Alles Gute weiterhin für die Zukunft,

    mit besten Grüßen

    Uwe Kammann

    Direktor des Grimme-Instituts

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