Dienstag, 6. Januar 2015

Paula - Im neuen Jahr


Paula war nicht erschrocken. Im Gegenteil. Es rettete ihr den Tag. It saved her day.  Wie man so sagte. Es machte sie in ihrer Situation glücklich. Mindestens einen damned day long.
Die Szene hatte sich schon öfters wiederholt. Im Supermarkt. Paula war auf der Suche nach Zutaten für ein Kochrezept.

Sie stand etwas ratlos in der Regalreihe mit den hunderten von Maggi und Knorr-Fertigmischungen für die Zubereitung von schmackhaftem Essen. Sie hatte ihren Rezeptkalender dabei, den sie mit Raphael am Tag zuvor im Schwimmbad  an der Kasse als Neujahrgeschenk entdeckt hatte. „Ich koche für ihn was Leckeres,“ dachte sie sich. Zeit genug hatte sie ja. Die Fotos sahen wirklich sehr appetitlich aus und die Rezepte schienen vielfältig ausgesucht.


aus dem Kalender 2015 der Stadtwerke St. Ingbert

Als Paula so in diesem Megastore Globus war, um die Zutaten für das Hähnchenbrustfilet in Gorgonzolasoße zusammenzusuchen und in dem langen Gang sich umsah, kam die schon zuvor entdeckte sehr gutaussehende Frau im Trenchcoat auf Paula langsam zu. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie. Paula war überrascht. Es waren noch mehr Menschen im Gang, die Paula aber nicht ihre Aufmerksamkeit schenkten. Paula war trotz ihrer Schmerzen und des Rollstuhls heute auch gut zurechtgemacht und es hatte ihr Spaß gemacht, schon ein paar der Zutaten für das gewünschte Abendessen auf ihrem Schoß unter ihrer Handtasche abzulegen. Sie sah die Frau an. Sie gefiel ihr. „Ach“, überlegte Paula laut. „Wenn Sie mich so fragen, dann schau ich mal nach, was ich ganz genau brauche.“ Beim Anbetracht der Vielzahl der Maggi- und Knorrpäckchen war Paula die richtige Bezeichnung der Sauce inzwischen entfallen. Sie holte den Kalender aus ihrer Tasche hervor. Die Hübsche mit dem auffallenden Kajalstrich unter den Augen schien Zeit wie sie zu haben. Paula las vor: Knorr „Feinschmecker Crème fraiche Sauce“.

Und dann passierte folgendes: Die Frau und Paula standen schon unter der Soßen-Packung und die Frau griff sofort über Paula danach: „Hier ist sie“, sagte sie ohne Verzögerung. „Ich habe sie auch gerade für mich geholt, “ ergänzte die Frau danach. "Das sagte sie jetzt doch nicht wirklich in Anbetracht der hunderten von einsortierten Produkten, oder?". Paula war hocherfreut über diesen Zufall, begann aber auch bald darüber zu rätseln...

Am Abend fragte Raphael beim Essen nach Paulas Besonderheiten des Tages. Es gab eine Menge zu berichten, weil Paula zum neuen Jahr aktiv gewesen war und viele Telefongespräche mit Neujahrswünschen geführt hatte. Aber dieses Erlebnis im Supermarkt schien für sie das am Erzählenswertesten. Es hatte ihr den Tag - wie gesagt - gerettet.

Immer wenn ihre Umgebung ihr von Schwierigkeiten berichtet hatte, sah sie diese im anderen Licht, weil sie dieses scheinbar unwichtige Ereignis als höher in ihrem Leben als die Schwierigkeiten bewertete.

Von Menschenhand konnte der Zufall, die Koinzidenz, dass die Frau aus hunderten von Produkten das gleiche schon in ihrem Warenkorb hatte, nicht sein. Was aber dann? Es hatte etwas vom Spirituellen und Transzendenten an  sich. Etwas Schönes. Etwas Feines. Und es war nicht das erste Mal passiert (vgl. Marina – Ein Fest): Damals suchte eine ganz in Rot gekleidete Frau Cumin wie sie, später am Tag zeigte eine andere Kundin ihr die gewünschten Kidneybohnen, die diese schon selber im Einkaufswagen hatte. Für Paula also nicht das erste Mal.
Durch die Wiederholung dieses Phänomens wurde Paula wacher und bewußter. Sie überlegte: „So häufig wie mir das passiert, kann das kein Zufall mehr sein.“ Irgendetwas musste die Menschen dazu bringen, auf diese Weise zusammenzukommen. Aber was war es? Sie wollte diesen vielleicht göttlichen Geheimnissen auf die Spur kommen. Wenn es denn sein sollte.

Paula hatte sich mit der Vergabe des Medizinnobelpreises an das norwegische Hirnforscherehepaar May-Britt und Edvard Moser mit ihren Mäusen im Jahre 2014 beschäftigt.  Sie haben Zellen entdeckt, die ein Positionierungssystem im Gehirn bilden. So erinnert man sich, wenn man an einen bestimmten Ort zurückgeht, wieder an das dort Gedachte. Manchmal vergisst man nämlich, was man gerade gedacht hatte beim Weitergehen. Durch die Rückkehr kommt häufig der gleiche Gedanke wieder. Daher sind Ort und Gedanken miteinander verknüpft. Das hatten die Wissenschaftler bewiesen. Aber forschte jemand schon hier auf diesem Gebiet der göttlichen Geheimnisse. Paula wußte es nicht.

Bei Paula war ihr Phänomen doch ein viel Schwierigeres: Es gab Seelenverwandschaften, die sich häufig bei Gedanken an sie „zufällig“ trafen. Z.B. speisten Raphael und Paula eine Zeitlang in gleichen Restaurants wie ihre etwas weiterverwandte Familie. Natürlich ohne Absprache, einfach weil Freitagabend war und jeder in der Großstadt zum Essen ausging, traf man sich. 

Hier mussten jedoch noch andere Dinge im Spiel sein: vielleicht Hormone oder  Körperduftstoffe, die die Leute zusammenbrachten. Besondere Anziehungspunkte. Just zu einem bestimmten Zeitpunkt, an einer bestimmten Stelle, mit gleichem Interesse. Wer aber führte hier und vor allem WIE Regie?


Spielen Atome aus der Quantenphysik eine Rolle, die sich immer wieder bei ihrer Verbreitung den gleichen Weg suchen? Paulas Schmerztherapeut hatte ihr solche Wege erklärt. Mit ihm konnte sie über ungewöhnliche Dinge sprechen. Aber weiter war sie noch nicht. Im neuen Jahr. 2015.


Das Rezept für Hähnchenbrustfilet in Gorgonzolasoße

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